Düsseldorf Ein Datum sorgt bei vielen Kunden von SAP für Unmut. Sie fürchten, dass der Softwarekonzern Ende 2025 die Wartung für das Programmpaket Business Suite 7 einstellt – und sie in aufwendigen Projekten neue Software einführen müssen. Zahlreiche Unternehmen steuern damit ihre Geschäftsprozesse, es ist eine kritische Infrastruktur für die globale Wirtschaft. Hinter vorgehaltener Hand schimpft so mancher Manager über das Diktat.

Bisher äußerte sich SAP nur vage zu dem Termin, nun hat das neue Führungsduo Christian Klein und Jennifer Morgan Klarheit geschaffen: Der Softwarehersteller kündigte am Dienstag an, die reguläre Wartung für die Business Suite bis Ende 2027 anzubieten, gegen Aufpreis bis Ende 2030. Das verschafft den Kunden mehr Zeit für andere wichtige Digitalisierungsprojekte – und räumt ein Reizthema für die Unternehmen aus.

Die Einführung des neuen Programmpakets S/4 Hana sei eine „echte Transformation“, begründete Co-Chef Klein im Gespräch mit dem Handelsblatt die Fristverlängerung. Es bringe besonders dann Mehrwert, wenn Organisationen bei der Migration ihre Prozesse überarbeiteten und neue Geschäftsmodelle einführten. „Weil der Wandel tief greifend ist, brauchen die Kunden Zeit.“

Die Frist sei ein „Riesenärgernis“ gewesen, sagte Andreas Oczko, Vorstandsmitglied der SAP-Anwenderorganisation DSAG, in der IT-Manager aus mehr als 3500 deutschsprachigen Unternehmen organisiert sind, gegenüber dem Handelsblatt. „Die Kunden haben sich zu einem Projekt gedrängt gesehen, das oft nicht in die Planung für die digitale Transformation passt.“ Der Ton gegenüber SAP sei daher zuletzt rauer geworden.

SAP verkauft Software, mit der Unternehmen zahlreiche wichtige Geschäftsprozesse steuern können: Buchhaltung und Controlling, Lohnabrechnung und Einkauf, Logistik und Vertrieb. Das Enterprise Resource Planning (ERP), so der Fachbegriff, ist eine Art Nervensystem der Organisation. Dafür setzen zahlreiche internationale Großunternehmen die Produkte des deutschen Softwareherstellers ein.

Seit 2015 verkauft SAP die neue Version S/4 Hana. Der Konzern präsentiert die Software als das Produkt für das 21. Jahrhundert: Die Materialplanung oder der Quartalsabschluss liegen binnen Minuten vor, Maschinenbauer können ihre Produkte sekundengenau vermieten statt verkaufen, und die Verwaltung spart dank Künstlicher Intelligenz Arbeit und Kosten. „Intelligent Enterprise“, lautet der Marketingslogan.

In diesem Zuge lässt der Softwarehersteller die Business Suite 7 auslaufen. „Die Innovationszyklen werden immer kürzer“, begründete Klein den Schritt. Daher könne SAP die Wartung für ältere Produkte nicht unbegrenzt garantieren. So sei es aufwendig, Gesetzesänderungen in allen 180 Ländern in der Software abzubilden und immer ausreichend Spezialisten für die Programmierung vorzuhalten.

Wie eine Operation am offenen Herzen

In der Softwarebranche ist dieses Vorgehen üblich. Erst kürzlich stellte Microsoft die Unterstützung für das Betriebssystem Windows 7 ein, obwohl dieses noch auf Millionen PCs zum Einsatz kommt. In Unternehmen sorgt die Praxis von SAP dennoch für Unmut: Sie müssen in einem aufwendigen Projekt ein bewährtes Programm austauschen, zumal ein so zentrales. Es ist wie eine Operation am offenen Herzen.

Für SAP ist S/4 Hana ein zentrales Produkt. Den Umsatz weist der Dax-Konzern nicht aus, aber das Programmpaket trägt nach Aussagen des Managements erheblich zum Softwarelizenzgeschäft bei, das im vergangenen Jahr 4,53 Milliarden Euro einbrachte. Zudem gewinnt die Cloud-Version an Beliebtheit, was dank des Mietmodells regelmäßige Einkünfte verspricht. In diesem Jahr will das Management damit die Milliardenmarke übertreffen.

Die Zahlen täuschen aber darüber hinweg, dass sich die Einführung hinzieht. Der Softwarehersteller vermeldet 13.800 Kunden, von denen 30 bis 40 Prozent neu sind. Allerdings nutzen erst rund 7000 das neue System aktiv – und etliche vermutlich nur in Teilbereichen der Organisation.

Die übrigen haben bislang nur Lizenzen erworben, oft zu einem symbolischen Preis. Die Business Suite nutzten zu Hochzeiten nach Einschätzung in Branchenkreisen 35.000 Unternehmen, mehr als 25.000 dürften es also noch sein.

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Für das Zögern gibt es verschiedene Gründe. Einerseits ist es eine Frage von Prioritäten: Viele Unternehmen investieren, um Kunden besser anzusprechen oder die Produktion zu vernetzen – die Erneuerung der betriebswirtschaftlichen Systeme muss da warten. Zumal es an Argumenten fehle, wie Christian Hestermann, Analyst beim Marktforscher Gartner, betont: „Die Unklarheiten bezüglich der verfügbaren Funktionen und ein Mangel an Referenzkunden machen den Unternehmen die Entscheidung schwer.“

Andererseits ist es eine Frage der Ressourcen. „Wenn Großunternehmen ERP-Systeme austauschen, sind das gigantische Projekte“, sagt DSAG-Vorstand Oczko. In internationalen Konzernen seien teils mehrere Hundert solcher Programme im Einsatz. Die IT-Abteilungen müssen sie alle austauschen und Hunderte oder sogar Tausende Mitarbeiter schulen. „Das bindet IT-Budgets, die für die digitale Transformation fehlen.“

Mittlerweile tut sich etwas. Umfragen von Anwendergruppen zeigen, dass beispielsweise die SAP-Kunden im deutschsprachigen Raum und in Nordamerika deutliche höhere Investitionen für S/4 Hana einplanen. Ein beträchtlicher Teil will die Migration in den nächsten drei Jahren angehen. Das System sei „im Markt angekommen“, bilanzierte die DSAG vor einigen Tagen. Dazu dürfte der Konzern mit diversen Programmen für den Umstieg beigetragen haben.

Ein anderes Problem zeichnet sich jedoch ab: Wenn Tausende Unternehmen Projekte starten, steigt der Bedarf an IT-Dienstleistern kräftig. Besonders erfahrene Experten für Geschäftsprozesse sind knapp. Das Beratungshaus Lünendonk & Hosselfelder erwartet daher in Deutschland ab 2022 einen Projektstau, anderswo dürfte es ähnlich sein. Bis 2025 ist dann nicht mehr weit.

Argument für die SAP-Befürworter

Angesichts dieser Gemengelage sei die Verlängerung der Frist eine „eine extrem wichtige Entscheidung“, sagte Joshua Greenbaum, Gründer und Chef der Beratungsfirma EA Consult. Seine Beobachtung: Etliche Kunden fühlen sich derart unter Druck gesetzt, dass die Vorstände Alternativen zur SAP-Software in Erwägung ziehen.

Und das, obwohl der Austausch eines ERP-Systems als sehr aufwendig gilt. „Die SAP-Befürworter in den Firmen brauchen Munition“, so Greenbaum – Klein und Morgan liefern diese nun.

Die Fristverlängerung allein garantiert jedoch nicht den Erfolg von S/4 Hana. „SAP muss den Kunden noch mehr Argumente liefern“, betonte Gartner-Analyst Hestermann. Einerseits gelte es, den Wert des Systems besser herauszuarbeiten, etwa für eine Umstellung auf digitale Geschäftsmodelle. Andererseits müsse der Konzern die Kosten senken, etwa mit Programmen für die Migration, wie ITler die Umstellung auf ein neues System nennen.

Am Produkt ist ebenfalls noch einiges zu tun. Während die klassische Version von S/4 Hana bereits für viele Branchen angepasst ist, hat die Cloud-Variante, auf die Kunden übers Netzwerk zugreifen, noch einige Lücken. Die Konkurrenz sei weiter, sagt Hestermann: „Oracle hat sämtliche Produkte für die Cloud neu entwickelt.“ Wenn eine Organisation die Cloud nutzen wolle, habe sie „wettbewerbsfähige Alternativen“.

Und dann ist da noch der Personalmangel bei den IT-Dienstleistern. Co-Chef Klein ist das Problem bewusst: „Wir überlegen derzeit mit unseren größten Partnern, wie wir gemeinsam SAP-Berater ausbilden können.“ So denke man darüber nach, gemeinsame Akademien aufzubauen und SAP-Mitarbeiter zu Ausbildungszwecken an die Partner zu schicken. „Wir schauen, wie wir das weiter beschleunigen können.“

Die gute Nachricht: Danach haben die SAP-Kunden erst einmal Ruhe. Die aktuelle Version S/4 Hana, die seit 2015 verfügbar ist, wird bis Ende 2040 unterstützt.

Mehr: Der Softwarehersteller SAP hat die eigenen Ziele für das Jahr 2019 erreicht. Auch für 2020 verbreiten Christian Klein und Jennifer Morgan Optimismus.



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